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Poesie von Sascha Besier

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2021-10-21

Clark Ashton Smith Band I (Festa Verlag)

Klarkash-Ton – eine für sich stehende Erzähldynastie

An Clark Ashton Smith bin ich tatsächlich über die Empfehlung von H.P. Lovecraft gekommen. Allerdings gab es zu der Zeit nur einzelne Storysammlungen, die mir aufgrund der Unvollständigkeit nicht behagten. Denn, wenn ich einmal das Blut eines Erzählers geleckt habe, dann will ich ihn auch komplett aussaugen. Ich ahnte dabei schon instinktiv, dass Smith zu der Sorte Erzähler gehören würde.

Was damals also tun? Ich stürzte mich einfach auf seine Lyrik, da er hier ein nicht minderer Meister sein sollte. Da ich selbst mit Leidenschaft Gedichte schreibe, war ich gespannt. So geriet ich an “The Hashish-Eater or The Apocalypse Of Evil” und war schlichtweg hingerissen. Smith gab sich stets mit voller Hingabe in die Vision hinein, das hatte ich so bedingungslos bisher nie gelesen. Trotzdem verweigerte ich mich den bisherigen deutschsprachigen Ausgaben seiner Erzählungen, wartete lieber auf die richtige.

Dies hat sich hiermit absolut gelohnt. Endlich ist geplant, alle Erzählungen von ihm in mehrbändiger Ausgabe zu bringen. Bevor ich zu den Vorzügen der Ausgabe komme, erst einmal: Was ist dran an Clark Ashton Smith?

Ich starte mal mit einem Vergleich zu den anderen beiden großen Weird Tales Autoren und nehme dabei Lovecraft als Mittelpunkt.

Lovecraft war stilistisch sehr nüchtern und sachlich, konnte in diesem Stil dennoch reichlich sprachliches Ornament einbringen. Trotzdem blieb er eben immer relativ sachlich und konzentrierte alles auf den Höhepunkt einer Geschichte. Nebenbei war er natürlich ein großartiger Schöpfer eines eigenen Kosmos’. Hierbei gibt es diejenigen, die ihn für jedes dieser Details lieben und jene, die gerne weniger sprachliches Ornament gehabt hätten. Ich persönlich liebe alles an Lovecraft.

Robert E. Howards Stil war das bedingungslose Vorantreiben der Handlung, ohne viel Schnickschnack. Seine Erzählungen waren so für manche Leser weniger Distanz aufbauend, weil es insgesamt mehr Aktion dadurch gab sowie natürlich mehr Dialoge. Howard war thematisch vielseitiger, allerdings empfinde ich seine Fantasy- und Abenteuergeschichten noch einen Tick besser als seine Horrorstories - wobei das nicht für jede Horrorstory gilt, man findet durchaus großartige bei Howard. Lovecraft-Fans, denen das sprachliche Ornament und sein Pantheon am Herzen liegen, werden Howards Horror wohl weniger ansprechend finden, andere wiederum werden seinen geradlinigen Erzählstil sowie seine durchaus zu Lovecraft gleichberechtigten Phantasien lieben.

Nun kommt Clark Ashton Smith daher, und er wird nicht jedem Lovecraft oder Howard Leser gefallen. Smith erzählt Geschichten meist nicht geradlinig auf den Höhepunkt hinaus, wie es Lovecraft oder Edgar Allan Poe taten. Er trieb auch häufig die Handlung nicht so voran, wie es Howard tat. Vielmehr liebt es Smith, sich ganz in seine Visionen hineinzuknien. Dies tut er mit reichlich sprachlichem Ornament, das jedoch keineswegs so nüchtern wie bei Lovecraft daherkommt. Oftmals lebt eine Geschichte von ihm allein über die poetische Wirkung, bei der so etwas wie Handlung Nebensache ist. Aber Smith ist auch vielseitig, denn dazwischen tauchen immer mal Erzählungen auf, die mehr handlungsorientiert sind. Thematisch ist er kaum einzuordnen. Manche mögen bei ihm die Traumweltgeschichten Lovecrafts entdecken, aber das trifft nur einen Teil der Realität. Vergessen darf man natürlich auch nicht die feine ironische Note, die sich durch fast jede Geschichte von ihm zieht. Manchmal muss man sehr genau hinsehen, um sie zu erkennen, denn Smiths Ironie ist keine laute. Auf jeden Fall versteht es Smith, unfassbare Wirklichkeiten, versunkene Welten, andersartige Lebensformen und jegliche Unmöglichkeiten dem Leser näherzubringen und ehrfurchtsvolles Staunen in ihm auszulösen.

Nun will ich noch zu einigen Geschichten, die mich besonders fasziniert haben, etwas sagen, bevor ich alle aufzähle.

Gleich die Titelstory sowie deren Fortsetzung “Jenseits der singenden Flamme” packten mich. Hier zeigt Smith gleich, welche Visionen er aufbauen kann, wie nebensächlich dabei im Grunde die Handlung ist, und wie er es dabei schafft, eine Menge zu transportieren, was einen beim Lesen nicht loslässt.

“Das neunte Skelett” ist wieder sehr visionenhaft geschrieben, eher kurz gehalten, aber mit einer äußerst ironischen Pointe. Da ich anfangs ja nicht wusste, wen ich in Smith, was Erzählungen betrifft, vor mir habe, musste ich den Schluss nochmal lesen, bevor ich tatsächlich lachte. Spätestens hier wurde mir klar, welch einen verqueren Geist ich da lese.

“Die Auferweckung der Klapperschlange” erwähne ich hier nicht deshalb, weil sie zu meinen Lieblingsstories zählt. Hier war interessant, dass ich die ganze Zeit über dachte, ich kenne diese Geschichte irgendwie, aber doch ganz anders, als ich sie gerade lese. Also schaute ich meine Phantastiksammlung durch u. fand tatsächlich die Ursprungsstory von Ambrose Bierce sowie die Robert E. Howard Adaption davon. Sehr interessant, wie diese drei Autoren das Thema variiert und ausgearbeitet haben. Smith bleibt dabei wohl der Rätselhafteste.

“Die Schrecken der Venus” war ganz nach meinem Geschmack. Ich liebe einfach diese frühen Science-Fiction Vorstellungen, wo noch kein Mensch wusste, was uns wirklich im Weltraum erwartet. Es gibt hier natürlich auch Handlung, aber wie bei Smith üblich, ist es die Vision, die Welt, die sich vor uns durch seine Sprachkunst entfaltet, die einen aus den Socken haut.

Die Hyperborea-Geschichten im zweiten Teil des Buches haben mir allesamt sehr gut gefallen. Nichtsdestotrotz unterscheiden sie sich untereinander auch sehr stark, folgen nicht alle einem Stil.

Die Geschichten um Satampra Zeiros z.B. sind eher exotische Abenteuergeschichten mit Horrornote sowie feinen Ironien.

“Das Tor zum Saturn” ist hingegen wieder mehr von der Beschreibung lebende Geschichte, aber genauso von diesen Ironien durchzogen, die Smith so gut beherrscht (unter den Hyperborea-Geschichten sticht sie für mich sogar etwas heraus.

Im Sinne dieser feinen Ironien, mit denen Smith seine Geschichten durchzog, ist dabei noch besonders “Die sieben Banngelübde” zu erwähnen. Es ist fast wie ein sich wiederholender Witz, der am Ende die Erwartungshaltung zur Pointe mit einem bösen Ironiehammer konterkariert. Wie für Smith üblich, ist auch diese Geschichte wieder in überbordender Sprache geschrieben, die dem Leser alle möglichen Sinneseindrücke, die man dabei haben könnte, rein über das Wort vermittelt.

Geschichten in diesem Band:

Die Stadt der singenden Flamme
Jenseits der singenden Flamme
Das neunte Skelett
Der malaiische Kris
Die Abscheulichkeiten von Yondo
Die Auferweckung der Klapperschlange
Die Schrecken der Venus
Aus den Grüften der Erinnerung
Die Geschichte des Satampra Zeiros
Die Muse von Hyperborea
Das Tor zum Saturn
Das Manuskript des Athammaus
Das wunderliche Schicksal des Avool Wuthoqquan
Ubbo-Sathla
Der Eisdämon
Die sieben Banngelübde
Die weiße Seherin
Die Ankunft des weißen Wurms
Der Raub der neununddreißig Keuschheitsgürtel

Clark Ashton Smith war zweifelsfrei ein großer Künstler. Aber genau aus diesem Grund kann man ihn auch nicht bedingungslos empfehlen. Ich verstehe, warum der Herausgeber von Weird Tales (und andere) Smiths Geschichten häufig ablehnten, ebenso verstehe ich Lovecraft, der dies als Unmöglichkeit empfand und am Kunstverstand des Herausgebers zweifelte.

Dies ist übrigens ein weiterer Pluspunkt dieses Bandes, nämlich das Liefern von zahlreichen Hintergrundinformationen. Schon die Einleitung von Stephen Jones “Die vergessenen Welten des Klarkash-Ton” ist sehr lesenswert und gibt viele Hintergrundinformationen über den Autor. Dem folgt ein Text “Über Fantasy”, der sich kritisch mit der - gerade in Deutschland vorherrschenden - Meinung, Fantasy kann keine echte Literatur sein, auseinandersetzt. Ich warte schon lange darauf, dass unsere Literaturfossilien langsam tatsächlich aussterben und wir endlich dazu kommen, nicht ausschließlich Literatur ernst zu nehmen, die sich mit dem Krieg, der Nachkriegszeit oder sonstigem Realismus beschäftigt. Das Unerklärbare, die Fantasie hat genauso Daseinsberechtigung und hat großartige Sprachkünstler hervorgebracht.

Die Hyperborea-Geschichten leitet dann ein sehr informativer Text von Will Murray ein, nämlich “Das Hyperborea von Clark Ashton Smith”.

Am Ende des Buches finden sich noch zahlreiche und relativ ausführliche Anmerkungen zu den einzelnen Geschichten, die äußerst interessant sind.

Bleibt nur noch etwas über das Material zu sagen. Buchbindung und Papier sind ordentlich, und besonders der Papierumschlag ist im Gegensatz zur Robert E. Howard-Reihe ein großer Pluspunkt. Dadurch, dass dieser Umschlag irgendwie lederartig gemacht ist, kann man ihn beim Lesen tatsächlich um das Buch herum lassen. Beim Howard-Buch musste ich den Papierumschlag immer abnehmen, da er sonst zu sehr in Mitleidenschaft gezogen würde.

Für Fans der phantastischen Literatur also ein äußerst gelungenes Rundumpaket, dieser Startband der Reihe um Clark Ashton Smith.

© Sascha Besier

Admin - 12:43:25 @ Rezensionen | Kommentar hinzufügen