Rabenwind
Poesie von Sascha Besier

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2019-12-18

Die Geige

Auftakt
 
Jeden Tag, wenn er in der Fußgängerzone auf seiner Geige spielte, wurde er von Menschentrauben umringt. Seine Art zu spielen hatte etwas Geheimnisvolles, eine nicht greifbare Schönheit, die jeden Zuhörer in ihren Bann zog; und die Melodien schienen dem Unbekannten entsprungen, dabei doch seltsam vertraut, ohne dass man sich nach dem Hören an sie erinnern konnte. Auch schien ihnen eine Art Magie innezuwohnen, denn sie legten in den Zuhörern fremdgewordene Kräfte und Energien frei, die ihnen auf unerklärliche Weise halfen, ihr Leben besser zu fassen. Wie das genau passierte und ob dies überhaupt mit dem Spiel des Geigers zu tun hatte, wusste natürlich niemand. Letztlich war es auch egal, hatten doch alle ihre Freude und ein gutes Gefühl. Wie lange er schon jeden Tag um dieselbe Zeit herkam, konnte keiner mehr sagen. Er war einfach da, als hätte es ihn schon immer gegeben. Auch ließ seine alterslose Erscheinung kaum Rückschlüsse zu, bestenfalls konnte man sein Alter auf irgendwo zwischen dreißig und fünfzig schätzen, doch tatsächlich wirkte er durch seine Aura wesentlich älter. Und so sehr er auch alle durch sein Geigenspiel gefangen nahm und so sehr seine Persönlichkeit allen Rätsel aufgab, hatte es doch niemand je gewagt, mit ihm zu reden. Es war ganz so, als gäbe es ein ungeschriebenes Gesetz, dies nicht tun zu dürfen.
Bis zu dem Tag, an dem eine junge Frau in die Stadt zog, die alles verändern sollte. Sie war Mitte Zwanzig und versuchte gerade, wie die meisten ihres Alters, ihren Platz im Leben zu finden. Lara war dennoch in vielerlei Hinsicht besonders, glich sie doch in kaum etwas den anderen Frauen. Das Auffälligste an ihr war ihre Ausstrahlung von Reinheit und Natürlichkeit, die von ihrem blonden Haar gekonnt unterstrichen wurde. Obwohl sie sich eher leger anzog und sich nicht schminkte, wirkte sie auf ihr Umfeld wie Sonnenschein auf geschlossene Blüten. Dazu trug natürlich auch ihr von einer Naivität durchdrungenes Wesen bei, der aber nichts von Dummheit anhaftete, sondern die eher wie das Licht großer Unschuld strahlte. Doch Lara wusste nicht darum, besonders zu sein.
 
 
Laras Solo
 
An einem Samstagnachmittag ging Lara in die Fußgängerzone, um Besorgungen zu machen. Außerdem wollte sie natürlich endlich die für sie neue Stadt erkunden. Als sie in Richtung auf den Marktplatz zulief, vernahm sie das ungewöhnlichste Geigenspiel, das sie jemals gehört hatte. Es war ihr, als würde sie es nicht nur hören, sondern als würde es ihr innerstes Selbst zum Klingen bringen. Neugierig ging sie der Quelle dieser Töne entgegen.
Da sah sie ihn, diesen seltsamen Mann und Urheber dieser Klänge. Sie konnte nicht anders, sie musste stehenbleiben und den Melodien lauschen, die etwas in ihr weckten, was sie bisher nicht kannte. Sie blieb bis zum Ende, bis sich der Fremde still vor seinem applaudierenden Publikum verbeugte, seine Geige einpackte und davonging. Lara wusste nicht, wie ihr geschehen war, sie wusste nur, sie war Teil von etwas Außergewöhnlichem gewesen. Um sie herum jedoch schienen alle dies einfach hinzunehmen, ganz so, als wäre da nichts gewesen. Für sie war dies alles nicht fassbar. Mit zahllosen Eindrücken und Gefühlen machte sie sich nun auch daran, trotzdem ihre Besorgungen zu erledigen und wieder nach Hause zu gehen.
Dort angekommen ließ Lara das Erlebte nicht mehr los. Sie spürte diese Kraft in sich, die der Fremde mit seinem Geigenspiel in ihr entfacht hatte und sie wollte mehr davon. Es war so, als würde sie endlich zu den Dingen in ihrem Inneren geführt werden, die sie bisher nicht enträtseln konnte, die ihr die Möglichkeit eröffnen könnten, endlich ihren Platz zu finden. Also beschloss sie, am nächsten Tag wieder in die Stadt zu gehen und sie hoffte inständig, dass der Fremde wieder da sein würde.
 
Viele Tage lang ging sie zum Marktplatz und lauschte dem Spiel des Geigers. Und wie von ihr erhofft, eröffnete es ihr Einblicke in Teile ihrer Seele, die ihr vorher verborgen geblieben waren. Doch nicht nur das: Sie begann nun auch, andere besser zu verstehen. Menschliche Motivationen und Gefühle offenbarten sich ihr in ungeahnter Weise. Ihr war, als öffne sich das Universum nochmal ganz neu. Es schien Lara jedoch unbegreiflich, wieso dies eigentlich so geschah.
Im Gespräch mit anderen fand sie heraus, dass der Fremde schon viele Jahre in der Stadt spielte und eigentlich niemand wirklich wusste, wie lange genau, geschweige etwas über den Unbekannten selbst. Offenbar waren alle damit zufrieden. Ihnen genügte es, die Wirkung seines Spiels zu spüren, er selbst war ihnen egal. Nicht aber Lara. Es mag ihrer Reinheit zuzuschreiben zu sein, ihrer Neugier oder ihrer Ziellosigkeit, ja, vielleicht sogar war es eine Kombination all dieser Dinge, die sie mehr wissen lassen wollte. Für sie war der unbekannte Geiger nicht einfach nur eine unpersönliche Erscheinung, von der sie Kräfte bezog, für sie war er jemand, den sie kennenlernen wollte.
 
 
Duett
 
Am nächsten Tag also ging Lara ein weiteres Mal in die Stadt, um wieder dem Spiel des Geigers zu lauschen, ihn aber diesmal nicht einfach still seine Geige einpacken und weggehen zu lassen, nein, diesmal würde sie ihn ansprechen. Und genau das tat sie auch.
Was dann geschah, verblüffte Lara. Die Leute hatten ihr gesagt, niemals hätte je irgendjemand mit dem Fremden gesprochen; und wie alle anderen fühlte auch sie dieses ungeschriebene Gesetz, das in der Luft lag und besagte, den Unbekannten nicht ansprechen zu dürfen. Trotzdem ließ es Laras Wesen nicht zu, sich dem zu beugen. Ganz egal, wie unsicher sie im Inneren war, wie sehr sie das Gefühl der Enge verspürte, aus ihr heraus trat nur ihre Unschuld und Wissbegier, eben jene ehrliche Art, ihr Lieben zu geben. Und was Lara so verblüffte, war die Reaktion des Fremden: Er lächelte. Er lächelte sie genau in der reinen Offenheit an, die sie nur von sich selbst kannte und die sie in diesem Moment mit einer Wirklichkeit wahrnahm, als hätte sie vorher nichts von ihr gewusst. Lara stockte der Atem, aber sie war, wenn es um solche Dinge ging, schon immer tapfer gewesen, also redete sie weiter. Sie selbst fand, dass sie ins Plappern verfiel und begann sich zu schämen. Doch der Fremde lächelte weiter auf dieselbe Weise. Als sie gerade mit einer Frage schloss, sagte er plötzlich: »Du gefällst mir. Komm morgen wieder, dann reden wir.« Darauf nahm er seinen Geigenkoffer und ging. Lara hingegen blieb wie angewurzelt stehen, als ihr klar wurde, zum ersten Mal seine Stimme gehört zu haben.
 
Die folgenden Wochen waren für Lara von wundersamer Schönheit durchdrungen. Immer, wenn der Geiger sein Spiel beendet hatte, verbrachte sie mit ihm unzählige Stunden. Sie konnte gar nicht genau sagen, über was sie eigentlich immer mit ihm sprach, kam es ihr doch so vor, als ginge es um alles, was  das Leben – ihr Leben – und das Universum berührt. Nie zuvor fühlte sie sich so verstanden und angenommen. Dem Unbekannten schien es ähnlich zu gehen, strahlte er doch in ihren Unterhaltungen auf völlig andere Weise als während seines der Menge zugewandten Geigenspiels. Lara konnte sich nicht erklären, wieso das eigentlich so war, kam sie sich in seiner Gegenwart doch stets wie eine Schülerin vor. Er war es, der ihre Fragen beantwortete, der sie in ihrem Zweifel tröstete, der überhaupt so viele Dinge zu wissen schien und für sie der weiseste Mensch war, den sie je kennengelernt hatte. Es wirkte daher unwirklich auf sie, für den Geiger von Bedeutung zu sein, selbst wenn er es sie stets spüren ließ. Doch so unwirklich es ihr vorkam, so gab es da in ihr auch dieses deutliche Wissen um eine Vertrautheit, einer Verbindung mit ihm. Es war Liebe. Doch Liebe in einer Art, die Lara nicht einzuordnen wusste, weil sie ihr auf diese tiefe Art noch nie begegnet war.
 
So verbrachten die beiden viel Zeit miteinander, bis Lara eines Tages dann doch die Frage stellte, warum der Geiger eigentlich gerade mit ihr die Zeit verbringe, was sie ihm denn gäbe, wo er doch stets auf ihre Fragen einginge, wohingegen sie gar nichts bieten könne.
»Nichts bieten?«, entgegnete er. »Du glaubst, weil ich deine Fragen beantworte und dir keine stelle, sei das so? Denkst du, es gibt nur diese Form der Weisheit? Doch bist in Wahrheit du die Weise, denn du beantwortest all meine Fragen, ohne dass ich sie je gestellt hätte. Niemand außer dir ist je wahrhaftig auf mich zugekommen. Alle lauschten nur dem Spiel meiner Geige und waren zufrieden damit, was es ihnen geben konnte. Auch ich war damit zufrieden, gab es doch so viel Glück, was ich damit schenken und selbst empfangen konnte. Ich wusste nicht um mehr.«
Er schien aufgebracht, als er dies sagte, als spräche er über etwas, das ihn tief bewegt. Daher gab sich Lara mit seiner Antwort zufrieden, selbst wenn sie sie nicht vollständig verstand.
 
Bei ihrem nächsten Treffen bemerkte Lara, dass den Unbekannten etwas zu beschäftigen schien. Zumal er sie noch nie zuvor zu sich nach Hause eingeladen hatte. Noch bevor sie ihn darauf ansprechen konnte, fragte er sie, ob sie neugierig auf die Geschichte der Herkunft seiner Geige sei. Natürlich war sie neugierig, denn sie war sicher, es steckte mehr hinter dieser Geschichte. Schließlich war es mittlerweile für sie ziemlich offensichtlich, dass sein Geigenspiel kein gewöhnliches war. Also bejahte sie seine Frage  und der Geiger begann seine Erzählung.
 
 
Alexandres Solo
 
»Es war im Jahr 1758, als der Geiger Alexandre Lupot in Lyon diese Geige schuf. Doch bevor es dazu kam, müssen die Umstände, die dazu führten, erläutert werden.
Alexandre war bereits als junger Bursche ein äußerst talentierter Geiger. Er war sogar so talentiert, dass er, obwohl er stets nur auf Marktplätzen oder in Straßen und Gassen auftrat, einen gewissen Bekanntheitsgrad beim Konservatorium erlangt hatte sowie die Aufmerksamkeit hiesiger Musiker und Komponisten auf sich zog. Ständig wurde er bedrängt, er möge doch Konzerte bei Hofe oder im Theater geben und sich dem ansässigen Orchester anschließen. Vor allem aber war es allen unbegreiflich, wo und wie er sein Instrument so zu spielen gelernt hatte. Alexandre selbst gab an, weitgehend Autodidakt zu sein und nur von seinem Vater, einem Geigenbauer, in früher Kindheit die wesentlichen Spieltechniken beigebracht bekommen zu haben. Trotz sämtlicher Überredungsbemühungen von allen Seiten, behielt er es sich vor, weiterhin sein Geld als unbekannter Geiger auf Marktplätzen zu verdienen, worüber auch sein Vater nicht glücklich war, aber den Jungen tun ließ, was er wollte.
Alexandre setzte sich also durch, wurde zu einem Geige spielenden Nomaden und verdiente gerade genug, um Essen und Unterkunft zu bezahlen. Seiner beharrlichen Weigerung, sich dem normalen Leben anzuschließen, haftete etwas Aristokratisches an. Die Hingabe an seine Kunst war alles, was für ihn zählte. Alles, was andere als edel und demütig in ihm sahen, war also nicht der Liebe für seine Mitmenschen geschuldet, sondern ausschließlich der Liebe für sein Spiel und seine Ideale.
Eines Tages lernte er ein Mädchen kennen, das sich unsterblich in ihn verliebte. Sie war etwas ganz Besonderes, denn alles, was an Alexandre im Geiste edel und demütig war, war es bei ihr im Herzen. Auch ihm blieb dies nicht verborgen, und er geriet stets in große Verzückung in ihrer Gesellschaft. Noch nie hatte er so für jemanden empfunden. Ihm war, als öffne ihre natürliche Reinheit sämtliche Türen in den Herzen der Menschen, so auch in seinem. Allein durch ihre Ausstrahlung brachte sie allen Freude und Wärme.
Als jedoch ihr Vater von der Liaison der beiden erfuhr, verbot er ihr den Umgang mit Alexandre. Er wollte seine Tochter nicht einem mittellosen Vagabunden überlassen. Das Mädchen bekniete daraufhin den Geiger, sich doch eine seinem Talent gemäße Anstellung zu suchen, damit sie beide gemeinsam glücklich werden könnten. Doch Alexandre weigerte sich. Niemals wolle er seine Kunst und seine Ideale verraten. Vielmehr solle sie sich doch ihrem Vater verweigern und mit ihm durchs Land ziehen. Er sah nicht, dass der Mut dieses Mädchens ein ganz anderer als sein eigener war und er von ihr dieselbe Unmöglichkeit erwartete, wie sie von ihm.
Es kam, wie es kommen musste, sie wurde einem anderen Mann, einem kleinen Landadeligen, versprochen und mit diesem verheiratet. Dem unsterblich verliebten Mädchen brach das Herz und sie erhängte sich noch während der Hochzeitsnacht in der Scheune.
Dies machte Alexandre zu einem gebrochenen Mann. Er verfluchte Gott und flehte zugleich darum, dass dieser das Unrecht wieder rückgängig machte. Natürlich geschah dies nicht.
So gingen viele Wochen im Rausch des Weines dahin, bis Alexandre in einer Vollmondnacht im Juli des Jahres 1758 sich unter einem Baum erbrach und erschöpft neben diesem zusammensank. Er fluchte wieder Gott und leistete feierlich einen Schwur:
Wenn Gott alles, was an gutem Geist in dem geliebten Mädchen gewesen war, durch seine, Alexandres, Hände fließen ließe, würde er eine Geige bauen, in die all das übergehen solle, was die Geliebte ausgemacht hätte. Und wenn Alexandre dann sein Talent reinen Herzens einsetze, so solle sein Geigenspiel den Zuhörern all den Frieden und die Stärke bringen, wie es das reine Herz des Mädchens vermocht hätte. Für immer würde er sich mit seiner Kunst zum Werkzeug Gottes machen, mit dem einzigen Existenzgrund, den Menschen zu dienen, bis zu jenem Tag, an dem seine Geliebte ihn zu sich riefe, um alles, was er war, in sich aufzunehmen.
Und so baute Alexandre Lupot die Geige, die ich heute in den Händen halte.«
 
 
Finale
 
Lara war ergriffen und verwirrt ob der Geschichte, die sie gerade gehört hatte. Unwillkürlich fragte sie den Geiger, wie das Leben Alexandres weiterging, ob er seinen Frieden gefunden hätte. Vor allem aber wollte sie wissen, wie er, ihr unbekannter Geiger, denn dann in den Besitz der Geige gekommen sei und wie er von Alexandres Geschichte erfahren habe. Denn dass die Geige keine gewöhnliche war, stand für Lara fest. Sie hatte schließlich nun schon so häufig ihr Spiel auf dem Marktplatz gehört und die Wirkung auf sich sowie auf all die anderen Menschen deutlich gespürt. Zusätzlich verwirrte sie ihr sicheres Gefühl, dass auch ihr Geiger nicht gewöhnlich war.
Auf all ihre Fragen hin lächelte der Unbekannte nur und fing zu spielen an. Lara bemerkte schlagartig, dass er noch nie vor ihr allein gespielt hatte, immer nur in Gegenwart vieler Menschen. Sie spürte eine nie gekannte Ekstase der Sinne in sich aufflammen und es fiel ein Glück in sie, wie sie es niemals für möglich gehalten hätte. Lara schloss die Augen, sie konnte sie nicht mehr geöffnet halten. Sie fühlte, wie ein sehr alter Schmerz, den sie noch nie näher bestimmen konnte, sich ihr offenbarte, um sich dann in Wärme und Liebe aufzulösen. Dann begann eine große Freiheit in ihr aufzusteigen und plötzlich wusste sie um ihre Art von Stärke und was diese Stärke für ihr Leben bedeuten würde. Was für ein Geschenk machte ihr der Unbekannte da nur? Wieso konnte sie so viel Liebe von ihm ausgehend spüren, ganz so, als ginge er selbst in ihr auf?
Auf einmal endete das Geigenspiel. Lara öffnete glücklich die Augen. Der Geiger war verschwunden. Nur die Geige lag noch auf dem Stuhl, auf dem er bis eben noch gesessen hatte.
Lara nahm sie in die Hand.
Es war nur noch eine gewöhnliche Geige.
 
 
Ende
 
© Sascha Besier

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