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Poesie von Sascha Besier

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2019-11-15

Der Weg des Kriegers

Im ersten Schlage, Erkennen, speit das Kriegerherz seine pochende Glut, die das Feuer des Willens zur Leidenschaft und Tugend entfesselt.
Es ist ein einziges, mächtiges Schlagen, gleich dem, welches das Universum erschuf. So erschafft also das Herz den Krieger mit der Schöpfungskraft selbst, und es schenkt ihm die Leere der Erkenntnis, schenkt ihm die Sterne seiner Sehnsüchte und die Welten seines Schaffens.
All das schenkt es dem Krieger mit dem ersten Schlage.
 
Also folgt der Krieger nun den Schritten der Erkenntnis.
Einsam in seiner Leere sieht er, was er ist: ein Schöpfer!
Doch es gilt den Mut aufzubringen, in die Sterne zu schauen.
Also schaut der Krieger in die Sterne.
Mutig erblickt er all das, wonach es ihm aus der Tiefe seines Daseins verlangt.
Doch es gilt die Weisheit durch das Füllen der Welten mit seinem Schaffen zu erlangen.
Also füllt der Krieger die Welten mit seinem Schaffen.
Er lebt in all seinen Welten und schaut immer wieder in seine Sterne.
 
Bald jedoch muss er erkennen, dass ihm die Weisheit nicht erwachsen geworden ist. Sie ist im Gegenteil gar töricht und dem Kleinkinde ähnlich! All seine Leidenschaft und Tugend geht zwar auf den rechten Pfaden, aber er selbst läuft nebenher. Der Krieger empfindet es als Unrecht, auch auf den Pfaden des Schmerzes wandeln zu sollen und klagt sein Herz an, es möge ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen.
 
Im zweiten Schlage, Freiheit, speit das Kriegerherz seine pochende Glut, die das Feuer des Willens zu Zerstören und Töten entfesselt.
Damit schenkt es ihm Kometen zur Weltenvernichtung, es schenkt ihm die unsichtbaren Münder erloschener Sterne, um die noch strahlenden Sehnsüchte zu trinken; sogar die Leere zu trinken, um den Durst der dichten Verwirrung liebkosend in seine Seele zu senken.
All das schenkt es dem Krieger mit dem zweiten Schlage.
 
Also lässt der Krieger Kometen regnen.
Schauderhaft vernichtet er seine Welten, bedeckt sie mit seinem Zorn und Trotz.
Doch noch strahlen da einige seiner Sterne.
Also lässt der Krieger die unsichtbaren Münder der Erloschenen trinken.
Gierig schlucken sie die süßen Sehnsüchte, um die Bitternis zu nehmen und Gleichgültigkeit zu geben.
Doch noch sitzt da der Stachel der Erkenntnis in seinem Bewusstsein.
Also lässt der Krieger die unsichtbaren Münder der Erloschenen weitertrinken.
In ihrer Vielzahl noch durstiger, schlucken sie auch seine Erkenntnis und lassen ihn in Verwirrung zurück.
 
Der Honig des Vergessens verklebt ihm die Sinne und umschließt seine Identität mit kristallenen Waben. Die Fesseln seiner Erkenntnis sind zerstört, das Leben seiner Welten getötet, er ist frei! Aber verwirrt und selbstvergessen, ohne Leidenschaft und Tugend, ist ihm die Freiheit belanglos geworden. Der Krieger empfindet nichts mehr und klagt sein Herz an, es möge ihm Bedeutung widerfahren lassen.
 
Im dritten Schlage, Liebe, speit das Kriegerherz seine pochende Glut, die das Feuer des Willens zur Selbstannahme und Selbstaufgabe entfesselt.
Zarte Unscheinbarkeit verbirgt die besondere Kraft dieses Schlages, schenkt er dem Krieger doch offensichtlich gar nichts, außer der Wiedergeburt seiner Erinnerungen.
Das nur schenkt es dem Krieger mit dem dritten Schlage.
 
Also erinnert sich der Krieger.
Donnernd klingt der Schall der früheren Schläge in seinem verneinten Bewusstsein wider, spiegelt ihm sein Dasein durch die gewonnene Unschuld neu. Das alte Ich erblickt das neue, das neue Ich erblickt das alte und in ihren Blicken werden sie Eins.
Also geht der Krieger voll Freude zurück.
Er geht zurück und beschreitet nun jeden Pfad des Schmerzes, wandelt nun Seite an Seite mit seiner Leidenschaft und seiner Tugend. Er erfährt Glück und Besinnung, in Form der jetzt erwachsen gewordenen Weisheit.
Also begreift der Krieger.
Mit neuer Einsamkeit erkennt er seine Leere, schaut mit neuem Mut in seine Sterne, füllt seine Welten mit neuem Schaffen, um für seine erwachsene Weisheit Weisheit zu erlangen. Jetzt reitet er die Kometen, jetzt trinkt er aus den Mündern der Erloschenen, da er der Freiheit Zerstören und Töten nicht mehr missversteht. Nur wer sich selbst annimmt und aufgibt, kann sich und andere wirklich lieben. Da wächst dem Krieger der dritte Schlag zum Schwertarm.
 
Mit der Glut seines Herzens schmiedet er jetzt das Schwert Vertrauen, als Symbol seines Glaubens. Dies sei die stärkste aller Waffen, deren Führung ausschließlich dem gewachsenen Arm Liebe möglich. So gerüstet sieht der Krieger sein Losgelöstsein von allen Göttern, denn er hat sie selbst geschaffen und danach mit seiner Geburt begraben. Von nun an ist er unabhängig, ruht in sich, ist dem Freunde Feind und dem Feinde Freund, folgt stets ausschließlich dem eignen Herzen und Gewissen, ist Sternenreisender, Schöpfer und Vernichter. Der Krieger empfindet seine Bestimmung und befiehlt seinem Herz, es möge ihm von nun an in unbändigem Rhythmus schlagen.
 
Also schlägt das Kriegerherz und schlägt und schlägt und schlägt …
 
© Sascha Besier

Admin - 17:53:29 @ Lyrische Prosa | Kommentar hinzufügen